Am Morgen klingelte der Wecker früh, da wir versuchen wollten, für Tag 12 (Mi., 12.08.) Plätze für das Shuttle zum Lake Louise zu bekommen. Diese gehen immer zwei Tage im Voraus in den Verkauf. Zum Glück hatten wir dabei kräftige Hilfe von zu Hause: Saskia und ich hatten nämlich keinen Erfolg, Papa ebenso wenig, aber Nikolai gelang es, für uns zwei Tickets zu ergattern. Vielen Dank an dieser Stelle nach Graz!

Blick auf die verrauchte Sonne am Campingplatz in Revelstoke

Dann fuhren wir die verbleibende Stunde zum Glacier Nationalpark, wo wir den Abbott Ridge Trailhead vom Illecillewaet Campground ansteuerten. Wie schon gestern war es durch die Waldbrände aber immer noch sehr diesig. Dort angekommen, gingen wir zuerst zum Infohäuschen der Ranger. Wir wollten uns schlau machen, wie ungesund die verrauchte Luft ist und ob sich der Aufstieg zum Abbott Ridge überhaupt lohnt, wenn man sowieso nicht wirklich etwas sehen kann. Der Ranger empfahl uns dann die Wanderung zum Perley Rock und dem dahinter gelegenen Illecillewaet-Gletscher. Da man direkt bis an den Gletscher laufen kann, ist es nicht so schlimm, dass man nicht in die Ferne schauen kann.

Vor einigen Tagen hatten wir eine Mail bekommen, dass der Illecillewaet Campground für „soft-sided camping units“ wie Zelte gesperrt ist, „due to bears exhibiting bold behavior in the area“. Wir hatten damals direkt auf den nur zwei Kilometer entfernten Loop Brook Campground umgebucht, interessierten uns aber doch für die Hintergründe. Der Ranger erklärte uns, dass ein zwei Jahre alter Grizzlybär aus unbekannten Gründen zu wenig Angst vor Menschen habe und vor wenigen Tagen Campern beim Kochen tagsüber das Essen gestohlen habe. Es wurde schon versucht, ihn mit einem Helikopter in ein anderes Tal zu fliegen, der Bär lief die 120 km aber zurück und hält sich weiterhin in der Gegend auf. Wir sollten uns aber keine Sorgen machen, auf dem Loop Brook Campground zu schlafen: Der Bär habe einen Sender und habe sich ihm noch nie genähert.

Die Wanderung zum Perley Rock war ein wenig kürzer als die auf das Abbott Ridge, dafür war sie umso steiler und hatte in Summe genauso viele Höhenmeter. Die ersten zwei Kilometer ging es moderat steil durch den Wald und dann über einen perfekt angelegten Weg durch ein Geröllfeld, danach abwechselnd im Wald oder am Rande des Geröllfeldes. Immer wieder waren auch Bäche und größere Flüsse zu überqueren. Es gab aber überall sehr gute Brücken.

Blick auf die verrauchten Berge – Bild 1
Blick auf die verrauchten Berge – Bild 2

Auf halber Strecke, nach 600 Höhenmetern, gab es Nüsse und Gummibärchen, und dann ging es weiter steil bergauf. Von Kilometer 2 bis Kilometer 5 im Durchschnitt mit einer Steigung von über 30 %. Am Ende wurde es dann noch ein wenig technischer. Erst ging es über ein Schneefeld und dann über ein großes Feld mit viel losem Gestein quer nach oben.

Felsformation, die wie ein Tier aussieht
Wanderweg über Schnee- und Geröllfeld

Eigentlich hatten wir gedacht, dass wir es damit schon geschafft hätten. Allerdings führte der auf OpenStreetMap eingezeichnete Weg nur bis auf den Perley Rock, den wir natürlich auch bestiegen. Am Gletscher waren wir damit aber noch lange nicht. Immerhin entdeckten wir oben ein Weißschwanz-Schneehuhn mit zwei Küken.

Weißschwanz-Schneehuhn am Perley Rock
Blick zurück vom Perley Rock auf den Wanderweg

Vom höchsten Punkt der Tour, dem Perley Rock, war es dann nochmal ein knapper Kilometer bis zum Illecillewaet-Gletscher. Dort angekommen, folgte die wohlverdiente Vesperpause.

Blick auf den Illecillewaet-Gletscher aus der Ferne
Blick beim Vesper auf den Illecillewaet-Gletscher
Gefährlich nahe am Illecillewaet-Gletscher
Selfie vor dem Illecillewaet-Gletscher

Der Illecillewaet-Gletscher hieß früher schlicht „Great Glacier“ und ist einer der am besten dokumentierten Gletscher Nordamerikas. Die Familie Vaux aus Philadelphia fotografierte seine Zunge ab 1887 systematisch von immer denselben Standorten aus, weshalb sich sein Rückzug über fast 140 Jahre lückenlos nachvollziehen lässt: Seitdem hat er sich rund 1,5 Kilometer zurückgezogen. Gespeist wird er vom Illecillewaet-Névé, einem Firnfeld, aus dem außerdem der Asulkan-, der Geikie- und der Deville-Gletscher fließen.

Dann ging es an den Rückweg. Da wir dieselbe Strecke liefen, war der erste Kilometer flach, und bevor der steile Abstieg begann, konnten wir noch einen Goldmantelziesel beobachten, der wie ein kleines Eichhörnchen aussieht, aber am weißen Augenring und dem kupferfarbenen „Mantel“ über Kopf und Schultern gut vom Streifenhörnchen zu unterscheiden ist.

Goldmantelziesel kurz vor dem Abstieg
Abstieg über Geröll- und Schneefeld

Wie erwartet war der Abstieg entsprechend mühsam, aber alles war soweit gut und sicher zu laufen. Trotzdem waren wir sehr froh, als wir es zum Auto zurückgeschafft hatten. Insgesamt standen am Ende 12,6 km und 1.260 Höhenmeter auf der Uhr.

Blick ins verrauchte Tal

Bevor es zurück zum Loop Brook Campground ging, machten wir noch einen kurzen Abstecher zum Rogers Pass Discovery Centre. Dort hätten wir eigentlich so einiges zur Canadian Pacific Railway (CPR) und dem frühen Tourismus in der Gegend lernen können. Da das Gebäude aktuell neu gebaut wird, wurde das aber nichts.

1885 wurde die Bahnlinie der CPR über den Rogers Pass fertiggestellt, benannt nach Major A. B. Rogers, der die Passage vier Jahre zuvor gesucht und gefunden hatte. Weil Speisewagen an den steilen Rampen zu viel Gewicht bedeutet hätten, baute die CPR 1886 unterhalb des Gletschers ein Speisehaus, aus dem das Hotel Glacier House wurde: neunzig Zimmer, Kegelbahn, Aussichtsturm und ab 1899 sogar fest stationierte Schweizer Bergführer, die die meisten Wanderwege der Gegend anlegten. Um 1907 galt der Gletscher als der meistbesuchte Amerikas. Der Pass selbst war allerdings extrem lawinengefährlich: Zwischen 1885 und 1910 starben dort über 200 Menschen, allein 1910 verschüttete eine Lawine 62 Bahnarbeiter. Daraufhin verlegte die CPR die Strecke in den 1916 eröffneten Connaught-Tunnel unter dem Mount Macdonald. Das Hotel lag plötzlich abseits, schloss 1925 und wurde 1929 abgerissen.

Also ging es zurück zum Loop Brook Campground, wo wir das Zelt aufbauten und anschließend mit Erdnussbutter gepimpte Instant-Ramen-Nudeln kochten.

Kategorien: Kanada2026

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