Der Wecker klingelte um 6 Uhr, was sich noch früher anfühlte, als es ohnehin schon war: Auf dem Weg hierher hatten wir hinter dem Rogers Pass die Zeitzonengrenze überquert, die dort mitten in British Columbia am Ostrand des Glacier Nationalparks verläuft. Nach der Zeit, mit der wir zwei Tage zuvor noch unterwegs waren, war es also eigentlich 5 Uhr. So früh mussten wir raus, weil wir das Shuttle um 14:30 Uhr erwischen wollten. Immerhin regnete es nicht mehr, nass war das Zelt beim Abbauen trotzdem. Danach ging es schnell in einen der Shelter, um dort Frühstück zu kochen und die Tagesrucksäcke zu richten. Die Wanderrucksäcke und das nasse Zelt legten wir im Gepäckschuppen ab, dann ging es mit leichtem Gepäck auf den Alpine Circuit.
Der Alpine Circuit ist kein durchgehender Wanderweg, sondern eine Verkettung von Felsbändern und Steigen, markiert mit aufgemalten Punkten. Er gilt als anspruchsvollste Tagesroute rund um den Lake O’Hara und wird üblicherweise im Uhrzeigersinn gelaufen, damit der steilste Anstieg zum Wiwaxy Gap gleich am Anfang erledigt ist. Zuerst ging es flach am See entlang, dann ziemlich steil bergauf: auf 1,5 Kilometern rund 500 Höhenmeter. Erst durch Wald, dann durch schöne Felsen bis hinauf zum Wiwaxy Gap auf gut 2.500 Metern.







Ab dort sah die Route in Richtung Lake Oesa reichlich abenteuerlich aus. Aus der Ferne konnte man sich oft nicht vorstellen, wo der Weg entlangführen soll. Tatsächlich lief es sich dann aber sehr gut und völlig unkritisch. Von oben hatten wir eine traumhafte Aussicht auf eine ganze Reihe türkiser Seen.

Am Lake Oesa machten wir eine kleine Pause vorne an der Abbruchkante. Uns gefiel die Landschaft zwischen dem See und der Abbruchkante unglaublich gut und machten an der Abbruchkante eine kleine Pause und konnten auf den kleineren See direkt unterhalb schauen. Nachdem wir zurück auf dem Wanderweg waren entdeckten wir ein Hoary Marmot (auf Deutsch Eisgraues Murmeltier), die größte Murmeltierart Nordamerikas. Es hatte sich also doch gelohnt, das Teleobjektiv mitzuschleppen.





Weiter ging es über die Yukness Ledges rund um den Yukness Mountain zum wenig spektakulären Opabin Lake. Unterwegs saß im Blockschutt noch ein Amerikanischer Pfeifhase, englisch Pika. Trotz seines Aussehens ist er kein Nagetier, sondern ein Verwandter von Hase und Kaninchen. Pikas halten keinen Winterschlaf, sondern legen sich über den Sommer Heuhaufen zwischen den Steinen an, von denen sie den Winter über leben.

Danach ging es weiter Richtung Opabin Prospect. Der Weg dorthin war schon sehr schön, und ebenso war die Aussicht am Opabin Prospect toll. Dort vesperten wir, bevor es wieder hinunter zum Lake O’Hara ging.



An der kleinen Hütte am See kauften wir Karottenkuchen und einen Muffin und legten dann noch eine Pause am Steg vom Vorabend ein, inklusive erfrischendem Bad. Um 14:30 Uhr brachte uns das Shuttle zurück zum Parkplatz.

Laut Komoot waren es 12,7 Kilometer mit 650 Höhenmetern. Damit war das vermutlich die schönste Tageswanderung, die wir jemals gemacht haben. Zwischendurch fühlten wir uns an den Huayhuash Trek in Peru zurückerinnert (siehe Panamericana Tag 253-261).
Mit dem Auto ging es anschließend zu den Takakkaw Falls. Auf dem Weg stoppten wir am Viewpoint auf den unteren Spiral Tunnel.
Die Spiral Tunnels wurden 1909 eröffnet, um den sogenannten Big Hill zu ersetzen. Mit 4,5 Prozent Steigung war das die steilste Hauptstrecke Nordamerikas, und schon die allererste Fahrt im Jahr 1884 endete in einer Entgleisung mit drei Toten. 25 Jahre lang half nur, Ausweichgleise für durchgehende Züge bereitzuhalten. Nach Schweizer Vorbild trieb die Canadian Pacific Railway dann zwei Kehrtunnel in die Berge: 891 Meter durch den Mount Ogden und 991 Meter durch die Cathedral Mountain. Damit sank die Steigung auf 2,2 Prozent. Bei langen Zügen kann man beobachten, wie derselbe Zug gleichzeitig ein- und ausfährt und sich damit scheinbar selbst überquert. Im Schnitt fahren dort 25 bis 30 Züge am Tag, allerdings ohne Fahrplan. Wir hatten kein Glück, dass gerade einer durchfuhr, und so blieb es wenig spektakulär: Zu sehen war eigentlich nichts außer Wald.
Danach ging es weiter zu den Takakkaw Falls. Gespeist werden sie vom Daly-Gletscher am Waputik-Eisfeld, weshalb sie im Hochsommer am meisten Wasser führen. Die Hauptfallstufe misst 254 Meter, zur Gesamthöhe machen die Quellen sehr unterschiedliche Angaben zwischen gut 300 und knapp 380 Metern. Der Name geht auf ein Cree-Wort für „großartig“ zurück, stammt aber nicht von den Indigenen der Gegend: Vorgeschlagen hatte ihn William Cornelius Van Horne, der Chef der Canadian Pacific Railway, offiziell übernommen wurde er 1904.

Zum Abschluss ging es mit dem Auto zum Campingplatz am Lake Louise, Zelt aufbauen und kochen: Nudeln mit fertiger Tomatensoße, mit Oliven aufgepimpt. Währenddessen versuchten wir mit schlechtem Internet verzweifelt, eine passende Shuttle-Buchung zu ergattern. Das war sehr zäh, immerhin bekamen wir am Ende den Slot von 10 bis 11 Uhr.
Der Campingplatz ist sehr groß und ziemlich lieblos, so groß, dass man zum Duschen mit dem Auto fährt. Der Zeltbereich ist komplett von einem Elektrozaun umgeben, weil das Bow Valley Grizzly-Lebensraum ist. Gefahr durch Bären oder andere Wildtiere bestand damit keine. Dann ging es ins Bett.
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