Bevor wir den Tag mit einer Stadtführung starteten, mussten wir uns noch um eine kleine Herausforderung kümmern. Wir hatten gestern erfolglos versucht, im Onlineshop Tickets für das morgige Spiel von Atlético Nacional zu kaufen. Wie so oft bei Online-Transaktionen in Südamerika werden nur lokale Kreditkarten akzeptiert, und die Zahlung mit unseren deutschen Karten schlug fehl. Um dennoch an Tickets für das Spiel zu kommen, fuhren wir nach dem Frühstück mit der Metro ins Stadtzentrum und steuerten den offiziellen Fanshop an. Aber zu unserer Überraschung konnten wir auch dort keine Tickets kaufen – der Verkauf erfolgt ausschließlich online. Immerhin zeigten sich die Mitarbeiter hilfsbereit: Sie versprachen, uns nach der Stadtführung beim Online-Kauf mit ihrer privaten Kreditkarte zu helfen.
Die Free Walking Tour begann am Plaza Botero, direkt vor dem Museo de Antioquia. Nach einer kurzen Einführung erfuhren wir mehr über die historische Entwicklung Medellíns. Die Stadt liegt strategisch günstig im Aburrá-Tal – ein Faktor, der in der Vergangenheit vor allem für den Handel mit Rohstoffen wie Gold, Kohle und später Kaffee eine zentrale Rolle spielte. Auf dem Platz befinden sich 23 monumentale Skulpturen von Fernando Botero, dessen Werk durch überdimensionierte Proportionen geprägt ist. Fünf weitere Werke sind im angrenzenden Museum ausgestellt. Der Künstler, einer der international bekanntesten Kolumbianer, hat Medellín ein unverkennbares visuelles Erbe hinterlassen. Ebenfalls am Platz: der Palacio de la Cultura Rafael Uribe Uribe, ein neugotisches Gebäude mit schwarz-weißer Backsteinfassade.


Obwohl Medellín bereits 1675 gegründet wurde, sind kaum historische Bauwerke aus der Kolonialzeit erhalten geblieben. Sobald ein Gebäude zu klein wurde, ersetzte man es pragmatisch durch einen Neubau – die Mehrzahl der heutigen Bauten im Zentrum stammt daher aus den 1940er- und 1950er-Jahren. Bis in die 1970er-Jahre war das Zentrum auch Wohnort der Oberschicht. Mit der zunehmenden Ausdehnung der Stadt und sozialen Veränderungen verlagerte sich der Lebensmittelpunkt der wohlhabenden Bevölkerung nach Süden – etwa in Stadtteile wie El Poblado, die heute durch moderne Wohnanlagen, Einkaufszentren und großzügige Parks geprägt sind. Medellín lässt sich grob in drei Hauptzonen unterteilen: den wohlhabenden Süden mit hoher Bebauungsdichte und Infrastruktur, das historische und kommerzielle Zentrum (Downtown) und den Norden mit eher einfachen, oft informell gewachsenen Wohnvierteln.
Weiter ging es zur Metrostation Parque Berrío, wo großflächige Wandbilder die Geschichte der Region veranschaulichen – darunter Motive zu Goldgewinnung, Sklavenhandel und Kaffeekultur. Eine interessante Erzählung am Rande: Nachdem einige Stationen mit Marienfiguren (Madonnen) ausgestattet worden waren, stellte man fest, dass sich die Fahrgäste an diesen Stationen rücksichtsvoller verhielten. Als Konsequenz ließ die Stadtverwaltung sämtliche Stationen mit religiösen Symbolen ausstatten.

Vorbei am Torre Coltejer, einem Hochhaus in Nadel-Form, liefen wir über die Carrera 49 zum Parque de Bolívar, wo samstags ein Kunsthandwerksmarkt stattfindet. Während des Rundgangs kam es zu einem unangenehmen Zwischenfall: An einer Engstelle drängte sich eine Person gezielt zwischen Saskia und mich. Gleichzeitig wurde ich von hinten angerempelt, während jemand versuchte, in meine Hosentasche zu greifen. Ich konnte die Person rechtzeitig wegstoßen – mein Handy war zum Glück noch da.


Am nördlichen Ende des Parks befindet sich die Catedral Metropolitana de Medellín, laut unserem Guide das größte Backsteingebäude der Welt. Das Gebäude besteht aus über einer Million handgefertigter Ziegel, hergestellt aus dem in der Region häufig vorkommenden Lehm – ein typisches Baumaterial für Medellín.

Später machten wir Halt an einem Straßenstand und probierten Guarapo, ein traditionelles Getränk aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft mit Limetten.

Im Parque San Antonio sahen wir zwei Vogel-Skulpturen von Botero. Eine davon wurde 1995 bei einem Bombenanschlag schwer beschädigt – 23 Menschen starben. Botero schuf eine neue Skulptur, bestand aber darauf, dass auch die beschädigte stehenbleibt: als öffentliches Mahnmal und Gedenken an die Opfer des jahrzehntelangen Drogenkriegs, der Medellín tief geprägt hat.


Den Abschluss bildete der Besuch des Plaza Cisneros, auch bekannt als „Plaza de la Luz“. Die ursprünglich installierten 300 Lichtstelen sollten den Platz nachts vollständig ausleuchten – ein Symbol für Aufklärung und Sicherheit. In der Praxis erwiesen sich jedoch sowohl die Stromkosten als auch die Wartung als problematisch: Viele Lampen fielen schnell aus, heute funktioniert nur noch ein Teil davon. Der Platz wird nur zu besonderen Anlässen vollständig illuminiert. Inzwischen wurde teilweise auf andere, modernere Lichtquellen umgerüstet – doch die Grundidee des Ortes als Zeichen für den Wandel Medellíns bleibt erhalten.

Nach der Tour blieb uns genau eine Stunde Mittagspause, da wir für den Nachmittag eine Führung durch die Comuna 13 gebucht hatten. Also eilten wir zurück zum Fanshop, was den Startpunkt einer kleinen Odyssee darstellte. Zunächst sollten wir es erneut mit all unseren Kreditkarten versuchen, was wieder ohne Erfolg blieb. Dann bot die Mitarbeiterin an, ihre eigene Karte zu verwenden, wenn wir ihr den Betrag vorab auf ihr Konto einzahlen. Bargeld wollte sie nicht (vermutlich, da ihr Konto nicht ausreichend gedeckt war). Der erste Kiosk, an dem das möglich sein sollte, funktionierte nicht. Auch der anschließende Versuch gemeinsam mit ihr am Geldautomaten schlug fehl. Da die Zeit knapp wurde, ging Saskia schon zum Treffpunkt der nächsten Tour, während ich einen letzten Versuch in einem nahegelegenen Einkaufszentrum startete. Dort klappte die Einzahlung schließlich. Zurück im Shop kaufte die Mitarbeiterin für uns und für Lena drei Tickets – aufgeteilt auf zwei Bestellungen, da pro E-Mail-Adresse nur ein Ticket erhältlich ist.
Als das geschafft war fuhr ich mit der Metro zum Startpunkt der Tour und lief der hinterher. Die Führung war in vollem Gange, als ich dazu stieß. Gerade sprach unser Guide über den Drogenanbau in Kolumbien – und wie Bauern in ländlichen Gebieten unter massiver Bedrohung von ihrem Land vertrieben wurden, damit dort Koka angebaut werden konnte. Diese Gewalt hatte direkte Auswirkungen auf Städte wie Medellín, denn aus den ländlichen Konflikten heraus wuchs die Macht bewaffneter Gruppen, die sich auch in den urbanen Raum ausdehnten – insbesondere in Viertel wie die Comuna 13. Die Comuna 13 – eine von 16 Comunas (Stadtbezirken) Medellíns – liegt am westlichen Stadtrand an einem steilen Berghang. Ihre Lage machte sie strategisch bedeutsam, da sie eine Verbindung zwischen der Stadt und ländlichen Gebieten bot – ein wichtiger Korridor für den Transport von Waffen, Drogen und Geld. Jahrzehntelang galt das Viertel als einer der gefährlichsten Orte der Welt. In den 1990er-Jahren gehörten Gewalt, Morde und tägliche Schießereien zur bedrückenden Normalität. Viele Bewohner litten unter ständiger Angst – besonders junge Männer wurden häufig zwangsrekrutiert oder bedroht, wenn sie sich weigerten, sich einer der bewaffneten Gruppen anzuschließen. Unser Guide berichtete, wie staatliche Sicherheitskräfte zwischen 2002 und 2003 unter Präsident Uribe versuchten, mit massiver militärischer Gewalt Kontrolle zurückzugewinnen – etwa bei der sogenannten „Operación Orión“. Offiziell galt die Offensive als Erfolg, da viele Guerilleros aus der Region vertrieben wurden. Doch der Preis war hoch: Zahlreiche Zivilisten wurden getötet oder „verschwanden“. Später wurde bekannt, dass paramilitärische Gruppen für getötete Gegner bezahlt wurden – mit der Folge, dass auch viele Unschuldige zu Opfern wurden. Bis heute gelten Hunderte Menschen aus der Comuna 13 als vermisst.
In den Jahren danach begann langsam ein Wandel – eingeleitet nicht durch Gewalt, sondern durch Investitionen in Infrastruktur und soziale Programme. An einem Fußballplatz erzählte unser Guide, dass solche öffentlichen Orte früher kaum existierten – heute sind sie zentrale Treffpunkte für die Nachbarschaft. Auch das nahegelegene Community Center „UVA Huellas de Vida – San Javier“, in dem Kinder und Jugendliche kostenlos Sport treiben, tanzen oder musizieren können, ist ein Symbol für diesen Wandel. Unser Guide meinte, er hätte sich so etwas in seiner Kindheit gewünscht. Passend dazu folgte eine Tanzshow von Kindern aus dem Viertel.

Eine besonders eindrucksvolle Maßnahme war der Bau der berühmten Rolltreppen, die den oberen, steilen Teil des Viertels mit der Stadt verbinden – eine Infrastrukturmaßnahme, die weltweit Aufmerksamkeit erhielt. Früher bedeutete jeder Weg vom Berg in die Stadt eine körperlich anstrengende Aktivität. Heute dauert es gerade einmal sieben Minuten. Dieser Zugang brachte nicht nur mehr Sicherheit, sondern vor allem auch Teilhabe.


Während wir über die Rolltreppen nach oben fuhren, öffnete sich der Blick über die dicht bebaute Hügelstadt – das chaotische Dachmeer der zweitgrößten Favela der Welt, wie unser Guide meinte. Zwischen kleinen Häusern, Graffiti, Stromkabeln und improvisierten Terrassen spürt man, dass hier ein lebendiger, kreativer Ort entstanden ist.


Oben angekommen besuchten wir eine Street-Art-Galerie. Die Räume der Galerie nutzte der Guide, um uns mehr zu erzählen. Nicht zuletzt wurde auch die Rolle der sozialen Kontrolle thematisiert: Um Menschen in öffentliche Räume zu bringen, statt in den privaten Rückzug, stellte die Stadt unter anderem kostenloses WLAN an vielen Plätzen zur Verfügung – mit dem Effekt, dass belebte Orte sicherer wurden.

Noch vor wenigen Jahren wäre es unvorstellbar gewesen, dass Touristengruppen durch die Comuna 13 spazieren. Heute ist sie ein Symbol für den Wandel Medellíns: von einer der gefährlichsten Städte der Welt hin zu einem Vorzeigeprojekt urbaner Transformation. 1991 wurden in Medellín über 7.000 Morde registriert – 2025 erwartet die Stadt über drei Millionen internationale Besucher.
Nach dem Stadtbummel ging es zu dritt zum Abendessen zu einem Mexikaner, bevor wir uns für eine kurze Pause ins Hostel zurückzogen. Nach der Pause machten wir uns auf den Weg zum Viajero Hostel, um am Pub Crawl teilzunehmen. Die Viajero-Hostels sind eine beliebte Kette in Kolumbien, die wir aus der Karibik kennen, als wir dort nach dem Tayrona-Nationalpark übernachtet hatten.
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