Für den Vormittag hatten wir eine Foodtour durch das historische Zentrum von Lima gebucht. Zur Auswahl standen zwei Treffpunkte: entweder direkt im Zentrum oder alternativ im Stadtteil Miraflores, wo die meisten Touristen unterkommen, und auch wir unweit im nahegelegenen Club Germania übernachteten. Wir entschieden uns für den Treffpunkt in Miraflores und fuhren gemeinsam mit der Gruppe im Bus rund 10 Kilometer ins Stadtzentrum. Die Entfernungen in Lima sind leider sehr groß.
Erster Halt war ein Straßenstand mit einer einfachen, aber sehr typischen Speise: gekochte Kartoffeln mit hartgekochtem Ei. In Peru gibt es über 3.000 verschiedene Kartoffelsorten. Kartoffeln gelten neben Gerichten wie Ceviche, Pollo a la Brasa (gegrilltem Hühnchen) und dem Nationalgetränk Pisco Sour als Grundpfeiler der peruanischen Küche.


Anschließend ging es auf den Mercado Municipal Gran Mariscal Ramón Castilla, einen traditionellen Markt im Zentrum Limas. Als erstes wurde uns der Fleischstand gezeigt: Interessanterweise wird bei Ziegen der Schwanz am Tier belassen, was ein Zeichen dafür sein soll, dass es sich um eine junges Tier handelt. Probieren durften wir anschließend Oliven aus Arequipa sowie Gelatina de pata de res, eine Gelatine aus Rinderfuß, die in Peru für ihre angeblich stärkende Wirkung bekannt ist.

Ein weiteres Highlight war der Ceviche-Stand, wo wir eine leckere Portion probieren durften. Danach führte uns der Guide durch weitere Marktstände und erklärte die Verwendung typischer Produkte: Maca, eine Wurzelknolle, die frisch, als Mehl oder in flüssiger Form verkauft wird. Maca gilt als potenzsteigernd, hormonregulierend und wird traditionell zur Förderung von Muskelaufbau und Energie verwendet. San-Pedro-Kaktus, den wir bereits auf dem Markt in Cuenca gesehen hatten, wird gekocht und als rituelles Getränk verwendet. Er enthält das psychedelisch wirkende Meskalin und wird seit Jahrhunderten in spirituellen Zeremonien eingesetzt. Muña, ein aromatisches Andengewächs, wird als Tee getrunken und gilt als magenberuhigend. Am Fruchtstand wurden uns unter anderem Tuna roja (rote Kaktusfeige), Physalis, Yacón – eine große Wurzel mit leicht süßlichem Geschmack –, Lúcuma, auch bekannt als „Gold der Inkas“, Granadilla und Chirimoya gezeigt. Dazu kamen vier verschiedene Bananensorten: Plátano Morado, Plátano de la Isla, Plátano Pisco Chico und Bejaco.


Weiter ging es nach Chinatown. Chinesische Einwanderer kamen ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Vertragsarbeiter nach Peru. Viele dieser sogenannten Kulis hatten ihre Verträge unter problematischen Bedingungen unterschrieben und lebten in oft ausbeuterischen Verhältnissen. Nach dem Ende der afrikanischen Sklaverei ersetzten sie vielfach die fehlende Arbeitskraft auf Plantagen oder in Bergwerken. Viele blieben dauerhaft im Land und prägten die peruanische Esskultur nachhaltig. Daraus entwickelte sich Chifa, eine peruanisch-chinesische Fusionsküche, die heute fest zur lokalen Esskultur gehört. An einem kleinen Straßenstand kauften wir eine Vielzahl typischer Snacks, darunter gefüllte Teigtaschen und frittierte Reisbällchen.


Zum Abschluss der Tour ging es zurück ins Zentrum. Letzter Halt war ein Churro-Stand, wo wir die mit Dulce de Leche gefüllten frittierten Teigstangen probierten. Als Pause zwischen den beiden Touren ging es mit einer Argentinierin und einem Deutschen, die wir während der Foodtour kennengelernt hatten, in ein Café. Die zwei hatten beschlossen, sich uns für die zweite Tour des Tages anzuschließen. Diese fokussierte sich auf das historische Zentrum selbst.
Treffpunkt war die Iglesia de La Merced, eine barocke Kirche aus dem 17. Jahrhundert. Anfangs waren wir etwas verunsichert, weil der Guide erst zehn Minuten nach der vereinbarten Zeit auftauchte. Im Gegensatz dazu war die Guide bei der Tour heute Morgen zwei Minuten vor der Zeit losgelaufen.
Der Guide gab uns zunächst einen kurzen Überblick zur Geschichte der Stadt. Lima wurde 1535 von Francisco Pizarro gegründet und trug ursprünglich den Namen „Ciudad de los Reyes“ (Stadt der Könige). Der heutige Name „Lima“ geht wahrscheinlich auf das Quechua-Wort Rímac zurück, was „Sprecher“ bedeutet, und sich auf den gleichnamigen Fluss bezieht. Das historische Zentrum ist einer von 43 Stadtbezirken Limas. Es war einst von einer Stadtmauer umgeben, die teilweise noch erhalten ist – daher wird es auch heute noch gelegentlich als „Cercado de Lima“ bezeichnet, was so viel wie „ummauertes Lima“ bedeutet.
Ein nächster Halt war die Casa O’Higgins, das ehemalige Wohnhaus von Bernardo O’Higgins, das heute als Museum dient. Ihn hatten wir bereits während unserer Reise durch Chile kennengelernt, wo er als einer der bedeutendsten Nationalhelden verehrt wird. O’Higgins war ein zentraler Anführer der chilenischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die spanische Kolonialmacht und regierte das Land von 1817 bis 1823 als erster Supreme Director. Nach seinem Rücktritt lebte er im Exil in Peru – daher auch seine Verbindung zu Lima und die Benennung des Hauses.
An der Casa O’Higgins erklärte uns der Guide außerdem die Bedeutung des Symbols der Haager Konvention von 1954, das an der Fassade angebracht ist. Dieses Symbol kennzeichnet Kulturgüter, die unter internationalem Schutz stehen, insbesondere im Fall bewaffneter Konflikte. In der Altstadt von Lima ist es mehrfach zu finden und weist auf den besonderen Schutzstatus historischer Gebäude hin.

Früher war das historische Zentrum der wohlhabende Teil Limas – heute ist es vor allem ein Arbeiterbezirk. Stadtteile wie Miraflores oder Barranco sind heute die „besseren“ Gegenden. In der Calle de Mercaderes, der ehemaligen Händlerstraße, erzählte uns der Guide, dass im Hotel Bolivar angeblich der Pisco Sour erfunden wurde. Der Legende nach bestellte dort ein US-Amerikaner um 1920 einen Whisky Sour. Da kein Whisky verfügbar war, wurde ihm stattdessen Pisco eingeschenkt – die neue Variante war geboren.
Vom Hotel liefen wir weiter zum Plaza Mayor de Lima, dem zentralen Platz der Stadt, der früher Plaza de Armas hieß. Hier fanden früher öffentliche Hinrichtungen statt. Der Platz ist umgeben von bedeutenden Gebäuden:
- dem Palacio Municipal (Rathaus),
- dem Gobierno del Perú (Präsidentenpalast), der 1938 von einem polnischen Architekten entworfen wurde,
- der Catedral de Lima, die auf dem ehemaligen Inkatempel Temple of Puma errichtet wurde,
- dem Palacio Arzobispal, mit einem Bild von Papst Johannes Paul II. auf dem Dach – er wird in Peru für seine Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus (insbesondere gegen die Gruppe Sendero Luminoso) geschätzt,
- sowie einem historischen Brunnen im Zentrum des Platzes.





Unweit des Platzes steht eine Statue von Francisco Pizarro. Dieser hatte Lima 1535 gegründet und wurde 1541 ermordet. Der Guide erzählte, dass Pizarro in Peru durchaus umstritten ist – ihm wird unter anderem ein Massaker an indigenen Gruppen vorgeworfen, das aber wohl eher auf einen internen Machtkampf zwischen den letzten Inka-Herrschern zurückging.

Wir kamen am ehemaligen Postamt vorbei, dem heutigen Casa de la Gastronomía Peruana, und liefen weiter zur Basílica y Convento de Santo Domingo. Hier erklärte der Guide, warum der Platz vor dem Gebäude plazuela und nicht plaza heißt: Der Begriff plazuela wird in Peru für kleinere Plätze verwendet, meist vor religiösen oder historischen Gebäuden.


Im Inneren der Basilika konnten wir durch ein großes Kirchenfenster in den schön bepflanzten Kreuzgarten blicken.


Danach liefen wir noch einmal quer über den Plaza Mayor zur Casa de la Literatura Peruana, die im ehemaligen Bahnhof von Lima untergebracht ist. Dann ging es vorbei an der Basílica y Convento de San Francisco zum letzten Stopp der Tour: eine kleine Aussichtsplattform mit Blick auf den Cerro San Cristóbal und das darauf entstandene Armenviertel. Ebenso sahen wir hier ein kleines Stück der ehemaligen Stadtmauer.



Damit war die zweite Tour des Tages geschafft. Für Saskia und mich ging es direkt die wenigen Meter zurück zur Basílica y Convento de San Francisco, um diese auch von innen zu besichtigen. Wir nahmen an einer Führung durch das Kloster und die Katakomben teil. Leider war in dem sehr schönen Kloster Fotografieren allgemein nicht erlaubt.

Zuerst ging es durch das Kloster, wo wir ein sehr schönes Treppenhaus mit beeindruckender Holzkuppel, eine Bibliothek mit über 20.000 sehr alten Büchern, den Chor, die Kirche an sich sowie den Kreuzgang sahen. Direkt danach ging es hinab in die Katakomben. Diese dienten bis ins 19. Jahrhundert als städtisches Beerdigungssystem. Tote wurden in Massengräbern bestattet, die mit Kalk bedeckt wurden, um den Verwesungsprozess zu beschleunigen. Die heute sichtbaren Knochen sind in geometrischen Mustern arrangiert, die mit den ursprünglichen Bestattungen nichts mehr zu tun hat.
Zum Abendessen trafen wir uns mit Thomas, der im Club Germania neben uns mit seinem Landrovee steht, und mit Thibault, den wir mit seiner Familie in Sucre kennengelernt (siehe Tag 211) und später auf Galápagos wiedergetroffen hatten (siehe Tag 312). Seine Familie ist derzeit in Ecuador – er selbst ist in Lima gestrandet, da sein Auto mechanische Probleme hat. Er (und wir definitiv auch) hofft, dass die Probleme bald final gelöst sind und er ihnen Richtung Cartagena hinterher fahren kann. An solchen Beispielen sieht man, dass wir uns mit unseren erstaunlich treuen Begleiter Bernie (mit allen seinen Schwächen) sehr glücklich schätzen dürfen.
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