Auch wenn wir uns nicht ganz wohl dabei fühlten, ließen wir Bernie alleine auf dem Parkplatz zurück und fuhren mit einem Uber in Richtung Stadtzentrum von Iquique. Vom zentral gelegenen Plaza 21 de Mayo aus schlenderten wir nordwärts die Calle Baquedano entlang. Die Straße ist eine Fußgängerzone, in der viele Gebäude aus dem 19. Jahrhundert stamme, also zur Zeit des Salpeterbooms erbaut wurden. Die Holzhäuser mit ihren ehemals filigranen, heute eher abblätternden Fassaden erinnerten uns an eine amerikanische Westernstadt.




Am Ende der Straße erreichten wir die Uferpromenade und das Museo Corbeta Esmeralda, wo das Nachbau-Schiff Corbeta Esmeralda liegt. Das Original spielte eine zentrale Rolle im Salpeterkrieg (1879–1884) zwischen Chile, Peru und Bolivien. Es sank am 21. Mai 1879 während der Seeschlacht von Iquique. Der Krieg drehte sich um die Kontrolle der salz- und salpeterreichen Küstengebiete der Atacama-Wüste. Chile ging als Sieger hervor und sicherte sich dadurch den Zugang zu wichtigen Rohstoffen – vor allem dem Chilesalpeter, der in der damaligen Zeit weltweit als Düngemittel und für die Herstellung von Sprengstoffen gefragt war.


Die wirtschaftliche Bedeutung des Rohstoffs prägte die gesamte Region – und führte zur Gründung zahlreicher Salpeteranlagen in der Wüste. Da eine davon direkt auf unserem Weg lag, wollten wir sie natürlich besuchen. Wir fuhren also wieder die 50 Kilometer landeinwärts und steuerten die ehemalige Minenstadt Humberstone an. Diese Stadt war eine von mehreren hundert Salpeteranlagen, die einst in der Atacamawüste betrieben wurden. In diesen sogenannten „Oficinas“ wurde Chilesalpeter (Natriumnitrat) gewonnen und verarbeitet. Die Region erlebte in dieser Zeit einen regelrechten wirtschaftlichen Boom. Die Anlage in Humberstone war streng hierarchisch organisiert und in verschiedene Bereiche gegliedert. Im Wohnbereich lebten die Arbeiter in einfachen, meist aus Wellblech errichteten Unterkünften. Höhergestellte Angestellte hatten Zugang zu deutlich komfortableren Häusern. Zur Infrastruktur gehörten unter anderem ein Theater, eine Schule, ein kleiner Markt und ein Schwimmbad, das mit Wasser aus einer alten Dampflokomotive beheizt wurde.





Im industriellen Bereich wurde das Rohmaterial aus dem umliegenden Wüstenboden verarbeitet. Die Überreste von Trocknungsbecken, Maschinenhallen, Förderanlagen und einem ausgedehnten Schienennetz vermitteln noch heute einen Eindruck von der damaligen Produktionsweise und den Dimensionen des Betriebs.

Mit dem Aufkommen synthetischer Düngemittel verlor Chilesalpeter zunehmend an Bedeutung. Viele Anlagen wurden geschlossen: Humberstone wurde 1960 endgültig aufgegeben. Heute ist die Anlage ein Freilichtmuseum. Seit 2005 gehört sie gemeinsam mit der benachbarten Oficina Santa Laura zum UNESCO-Weltkulturerbe. Humberstone steht exemplarisch für die wirtschaftliche, technische und soziale Bedeutung der Salpeterindustrie im Norden Chiles.
Nach dem Besuch setzten wir unsere Fahrt mit Bernie südwärts fort. Ursprünglich wollten wir die Geoglifos de Pintados im Parque Nacional Pampa del Tamarugal besuchen. Als wir jedoch die Eintrittspreise für ausländische Besucher sahen, entschieden wir uns spontan dagegen. Da wir die Geoglyphen ausließen, gewannen wir Zeit und beschlossen, deutlich weiter nach Süden zu fahren als ursprünglich geplant. Doch es ging nicht nur nach Süden, sondern wir bogen irgendwann nach Osten ab, Richtung Calama. Tatsächlich wollen wir nochmals nach Uyuni fahren, um den Salar de Uyuni endlich auch im trockenen Zustand zu erleben. Bei unserem ersten Besuch an Tag 202 war der Salzsee komplett überflutet, und eine Fahrt mit Bernie auf dem Salar war daher nicht möglich.
Da sich die Diesel-Situation in Bolivien nach wie vor schwierig gestaltete, tankten wir wie an Tag 192 an derselben Tankstelle kurz vor Calama und füllten unseren Tank und alle unsere Kanister auf. Dieses Mal füllten wir sogar noch drei 7-Liter-Wasserkanister, die nun als Dieseltanks dienten.
Wir fuhren anschließend noch ein Stück weiter bis zu jenem Stellplatz auf etwa 3.000 Meter Höhe, wo wir bereits an Tag 192 übernachtet hatten. Die letzte gute Stunde Fahrt erfolgte leider im Dunkeln. Aber da wir zwecks Akklimatisierung unbedingt wieder auf diese Höhe wollten, nahmen wir das in Kauf. Die Straße war glücklicherweise in sehr gutem Zustand: wenige Schlaglöcher und Reflektoren an beiden Straßenseiten machten das Fahren trotz Bernies schwacher, 43 Jahre alter Scheinwerfer machbar.
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